01/06/2021
Ein toller Beitrag von "Mit Kindern lernen", der mir mal wieder aus der Seele spricht.
Es ist so wichtig, das jeweilige Verhalten der Kinder zu ergründen und individuell zu schauen, was dahinter steckt.
In Momenten, in denen das Kind nicht tut, was ich mir wünsche, genau hinzuschauen und zu prüfen, was los ist, warum das Kind nicht "mitmacht", sich anders verhält, als wir es uns wünschen, ist so unglaublich hilfreich für die Entwicklung der Kinder. Denn anders als mit Bestrafungs- oder Belohnungssystemen lernen Kinder dadurch, die Bedürfnisse anderer ernst zu nehmen, sie zu berücksichtigen, sich eine eigene Meinung zu bilden und sich dementsprechend zu verhalten. Sie lernen, wie man in Beziehung geht und wie gleichwürdige Beziehung gelebt wird. Und das alles ist so immens wertvoll!
"Striche für vergessene Hausaufgaben, Punkte fürs Ruhigsein, der Klassenaward - wie sinnvoll sind Belohnungs- und Bestrafungssysteme in der Schule?"
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Immer wieder erreicht uns diese Frage von Eltern, Lehrkräften und Journalist/innen. Gerne möchten wir unsere Gedanken dazu mit euch teilen.
Belohnungs- und Bestrafungssysteme sind in vielen Kindergärten und Schulen noch immer ein fester Bestandteil, um "erwünschtes Verhalten" bei Kindern und Jugendlichen zu fördern. Durch Punkte, Straf-Striche oder Wettbewerbe um Priviliegien sollen die Schüler/innen dazu gebracht werden, sich an Regeln zu halten und motiviert mitzuarbeiten. Wir stehen diesem Instrument aus mehreren Gründen kritisch gegenüber.
Fast immer lässt sich beobachten, dass die Lehrkraft zu Beginn zwar noch lachende Sonnen und weinende Wolken oder ähnliches verteilt, nach einigen Wochen aber "Sonnenkinder" und "Wolkenkinder" vor sich sitzen sieht.
Für die gut angepassten Schüler/innen, die sich mühelos an Regeln halten, ihre Gefühle regulieren, an ihre Hausaufgaben und Materialien denken und motiviert mitarbeiten können, mögen Belohnungen maximal ein kurzfristig wirksamer zusätzlicher Ansporn sein. Lernenden, denen es schwerfällt, sich selbst zu steuern, zeigen die Striche und weinenden Wolken sowie die daraus folgenden Strafen hingegen Tag für Tag, dass sie in der Schule nicht willkommen sind und es ohnehin nicht schaffen, die Anforderungen zu erfüllen. In der Regel führt dies nicht zu einer Verhaltensänderung, sondern zu einer Stigmatisierung des Kindes und der Zementierung fester Rollen.
Wer mit Belohnungs- und Bestrafungssystemen arbeitet, geht davon aus, dass alles eine Frage des Willens sei. Unserer Erfahrung nach wären alle Lernenden im Grunde gerne erfolgreich und anerkannt in der Schule, aber viele von ihnen weisen Kompetenzdefizite auf: sie wissen nicht, WIE man sich konzentriert, WIE man im richtigen Moment an die Hausaufgaben oder den Turnsack denkt, WIE man es schafft, ruhig zu bleiben, wenn man provoziert wird oder wie man den Impuls unterdrückt, mit einer Antwort herauszuplatzen. Anstatt den Lernenden dabei zu helfen, diese Kompetenzen schrittweise aufzubauen, werden diese nun lediglich eingefordert und deren Fehlen bestraft.
Meist leidet die Beziehung zwischen Schüler/in und Lehrer/in im Zuge der regelmäßigen Sanktionen so stark, dass die Lernenden diese Fähigkeiten mit der Zeit auch nicht mehr aufbauen wollen und immer schwerer zu führen sind.
Was aber ist die Alternative? Nach dem guten Grund forschen, warum bestimmte Situationen dem Kind so schwerfallen - und es dabei begleiten, die nötigen Kompetenzen zu entwickeln! Anstatt einem Kind beispielsweise jeden dritten Tag einen Strich für fehlende Hausaufgaben einzutragen, könnte man sich die folgenden Fragen stellen:
-"Bringt das Kind die Hausaufgaben vielleicht nicht mit, weil es vergisst, die Aufträge in der Schule einzutragen (und falls ja: welche Strategie könnte ihm hierbei helfen)?
-Ist es inhaltlich überfordert?
-Lässt es seine allgemeine Erschöpfung oder sein Arbeitstempo nicht zu, alle Aufgaben an einem Nachmittag zu schaffen?
-Hat es zuhause keinen ruhigen Ort oder zu wenig Struktur, um diese zu erledigen?
-Denkt es im richtigen Moment nicht daran, die Aufgaben einzupacken (und falls ja: welche Merkstrategie nützt hier)?
-Sieht es den Sinn hinter den Aufträgen nicht?"
Je nach Hintergrund kann man anders darauf reagieren und so eine wirkliche Veränderung erzielen, anstatt lediglich zu dokumentieren und sich darüber zu ärgern, dass das Kind es auch nach vielen Wochen immer noch nicht kann.
Belohnungssysteme können darüber hinaus einige ungünstige Folgen nach sich ziehen. So zeigen Untersuchungen zum sogenannten "Korrumpierungseffekt", dass eine ursprünglich hohe intrinsische Lernmotivation sinkt, wenn von außen mit Belohnungen aufgewartet wird. Besonders schädlich ist es zudem, wenn ganz natürliche, altruistische Handlungen belohnt werden, beispielsweise ein Award fürs Trösten eines Klassenkameraden oder andere soziale Verhaltensweisen vergeben wird. Hier besteht die Gefahr, dass die Kinder ihren Mitschüler/innen nur noch helfen oder sie trösten, wenn ihnen ein/e Erwachsene/r dabei zusieht. Mitgefühl lernen wir nicht durch Punktepläne.
Und: Je heterogener die Grundvoraussetzungen in einer Gruppe, desto ungerechter werden Belohnungs- und Bestrafungssysteme. Auf der einen Seite stehen Kinder, die mit wenig Anstrengung an die begehrten Belohnungen kommen können, auf der anderen Seite Kinder, denen dies trotz grössten Mühen nicht gelingt.
Haben Belohnungs- Bestrafungssysteme eine Zukunft?
Die Schule ist in den letzten Jahrzehnten in vielen Aspekten kindgerechter geworden. Wir hoffen und wünschen uns, dass wir diesen Weg weitergehen, die Würde der Kinder und Jugendlichen wahren und ihnen mit dem Respekt begegnen, den wir uns auch als Erwachsene wünschen. Und wer von uns fände es schon akzeptabel oder gar motivierend, von der Vorgesetzen gut sichtbar Minuspunkte über den Arbeitsplatz im Großraumbüro gehängt zu bekommen, weil man nicht brav genug gearbeitet hat?
Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?
Herzlich
Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
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