04/03/2020
Die Gräben werden immer tiefer – und das ist vielleicht gar nicht schlecht.
Seit einiger Zeit geht ein Rumoren durch die Reiterwelt. Ein Rumoren, welches die Reiter in zwei Lager spaltet. Und in eine Gruppe von Reitern, die zwischen diesen beiden Lagern gefangen ist.
Das erste Lager wird durch die sogenannten Freizeitreiter gebildet. Es ist inzwischen sehr groß und beinhaltet sehr viele Menschen, die gegen die Art und Weise protestieren, in welcher Pferde heute im sogenannten Turniersport ausgebeutet und gequält werden.
Unglücklicherweise gibt es unter diesen Reitern eine nicht eben unerhebliche Menge denen es an Wissen und reiterlichem Können fehlt und die daher leider auch nicht gerade vorbildhaft für den Erhalt des Pferdewohles sind.
Was es den Menschen im zweiten Lager leicht macht, die Menschen des ersten Lagers und ihren Protest ins Lächerliche zu ziehen.
Dieses zweite Lager besteht aus jenen, die mit dem „Pferdesport“ ihr Geld verdienen, denen es zum weitaus größten Teil definitiv nur insoweit um das Pferdewohl zu gehen scheint, als dass der Kracher bis zum nächsten Grand Prix oder Großen Preis „halten muss“, damit er seinen Besitzern und Reitern die Taschen füllt. (Um das hier gleich einmal deutlich zu machen: in beiden Gruppen gibt es Reiter, die in die dritte Gruppe fallen, s.u.)
Hier sind jene Reiter gemeint, die ihre Pferde fit spritzen lassen, nach Akupunkturbehandlungen auf dem LKW fragen (da Akupunktur im Wettkampf selbstverständlich ebenso unzulässig ist, wie andere schmerzunterdrückende Maßnahmen, aber im Gegensatz zu Medikamenten eben nicht nachweisbar, so lange es keiner sieht…).
Die ihre Pferde grell füttern und „reiten“, bis sie zu panischen Maschinen geworden sind, die dann mit den schärfsten Zäumungen und „Hilfsmitteln“ wie LDR/Rollkur, Schlaufzügeln, scharfen Gebissen, Dornenscheiben an den Maulwinkeln und anderem Folterwerkzeug unter Kontrolle gehalten werden, um sie so durch die Dressurprüfungen und Parcours dieser Welt zu jagen.
Und diese Art der Ausbeutung (ich halte es für irreführend, dies als Reiten zu bezeichnen) wird durch Siege und Preisgelder, Ruhm und Anerkennung belohnt. Diese Art der Reiter reißt sich nach einem guten Ritt dann die Kappe vom Kopf und gleichzeitig dem Pferd im Maul, um es einhändig überhaupt noch kontrollieren zu können (und weil im Maul herum reissen dort eh normal zu einschient), streckt die geballte Faust gen Himmel und lässt sich vom Publikum für „ihre Leistung“ feiern, die in Wahrheit ausschließlich dem Pferd zu verdanken ist.
Den Protest derjenigen aus dem ersten Lager, tun sie als „Wendy - Halsringtussi - Freizeitreiter - Gequatsche“ ab und verweisen auf die mächtigen Verbände, die diese (ihre) Art des „Sports“ fördern und unterstützen. Nach dem Motto: die Freizeitreiter haben ja keine Ahnung und außerdem wäre es ja nicht erlaubt, wenn das schlecht für die Pferde wäre.
Und dann gibt es die Reiter, die zwischen den beiden Lagern gefangen sind.
In dieser Gruppe finden sich sowohl „Freizeitreiter“ als auch Turnierreiter, aber diesen Reitern gemeinsam -und was sie von den Menschen in Gruppe eins und zwei unterscheidet- ist, dass sie ihre Pferde und sich selbst nach den Regeln der klassischen Reitlehre sinnvoll und über Jahre ausbilden und sich den Traditionen und Richtlinien der Reiterei und somit selbstverständlich zuallererst dem Wohl des Pferdes verpflichtet fühlen.
Hier sind sowohl Reiter zu finden die einfach zu ihrer Freude reiten als auch solche, die mit dem Pferdesport ihr Geld verdienen und hocherfolgreich an den wichtigsten internationalen Turnieren teilnehmen. Aber immer so, wie es ursprünglich einmal gedacht war:
Als Beweis der erfolgreichen Zusammenarbeit mit dem Pferd, als ein gemeinsames Unterfangen, bei dem die Früchte der langen Arbeit und Ausbildung geerntet werden.
Diese Reiter feiern nach einem guten Ritt ihr Pferd und nicht sich selbst, fallen ihrem Pferd um den Hals und bedanken sich bei ihrem Pferd, nicht bei ihrem Trainer oder Sponsor. (Sollte, wie schon so oft geschehen, aufgrund meines Posts nun der eine oder andere Reiter aus Gruppe zwei dazu übergehen sein Pferd zu loben, statt die Faust gen Himmel zu strecken: nein, das macht Sie nicht automatisch zu einem guten Reiter und macht auch nicht wieder gut, was Sie Ihrem Pferd zuvor angetan haben.)
Diese Reiter in der Mitte kaufen nicht jeden Tag eine neue Fliegenmütze, rennen nicht zu jedem neuen Guru auf das Wochenendseminar, brauchen nicht stets die neueste Reitkollektion.
Sie wissen um das Wesentliche, lassen ihre Pferde ganzjährig auf die Weide und zwar ohne sie dafür erst einmal von Kopf bis Fuß in Protektoren zu wickeln, füttern vernünftiges Heu und Hafer, streuen die Ställe im Überfluss mit gutem, duftendem Stroh ein, reiten und trainieren vielseitig und im Gelände, gymnastizieren ihre Pferde nach der klassischen Reitlehre ohne Hilfszügel und Zwangsmaßnahmen und arbeiten jeden Tag an sich selbst.
Sie trauen ihren Pferden zu, Pferd zu sein und halten die Tiere nicht wie seelenlose Maschinen oder zerbrechliche Puppen.
Diese Reiter werden von den Menschen im ersten Lager meist einfach ignoriert und von denen im zweiten Lager überhaupt nicht gerne gesehen: weil sie beweisen, dass man sogar auf internationalem Niveau erfolgreich reiten kann und dabei ein Abbild von Teamwork und Freundschaft mit seinem Pferd bilden.
Da jeder Reiter weiß, wie viel Arbeit, Zeit und Geduld dafür notwendig ist und all dies für die Reiter im zweiten Lager nicht in Frage kommt, sind ihnen solche Pferde und Reiter naturgemäß ein Dorn im Auge. Denn diese beweisen, dass es auch anders geht - und das könnte irgendwann dazu führen, dass die Abkürzung über Zwang und Gewalt nicht mehr geduldet wird, was das gesamte Konstrukt von "Geld verdienen im Pferdesport" wie es heute existiert zum Einsturz bringen würde.
Diese mittlere Gruppe der Reiter, die mit Pferdewissen, Gewissen, Disziplin und klassischer, gründlicher Ausbildung ausgestattet sind, ist leider immer noch die mit Abstand Kleinste.
Meine Hoffnung ist, dass wenn es gelingt diese „mittlere Gruppe“ zu der Stärksten und Größten zu machen, die Reiter sowohl der ersten als auch der zweiten Gruppe einfach verdrängt und nicht mehr toleriert werden. Damit wäre ein enormer Schritt zum Wohl der Pferde getan. Die Reiter der ersten Gruppe werden es dabei einfacher haben, sich der mittleren Gruppe anzuschließen, denn Wissen und Fähigkeiten kann man sich aneignen, Moral und ein normales ethisches Verständnis nicht.
Ihre, Julie von Bismarck
PS: Um diese mittlere Gruppe größer werden zu lassen schreibe ich all die Artikel und Bücher.
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