20/04/2026
Zunehmende Gewalt an Schulen – Eltern und Schulleitungen: „Die aktuelle Lage ist das Ergebnis struktureller Überlastung auf allen Seiten“
BERLIN. Die Zahl der Gewaltvorfälle an Schulen steigt. Der Bundeselternrat und der Allgemeine Schulleitungsverband Deutschland (ASD) sehen darin kein isoliertes Problem einzelner Schulen, sondern ein strukturelles. In einer gemeinsamen Stellungnahme fordern sie einen grundlegenden Perspektivwechsel im Umgang mit Gewalt. Statt vor allem auf Sanktionen zu setzen, müsse die Ursachenarbeit in den Mittelpunkt rücken. Andernfalls drohe eine Entwicklung, die sich weiter verstärkt – „mehr Gewalt, mehr Überforderung, mehr Abwanderung von Fachkräften“.
Wer kümmert sich? (Symbolbild.) Foto: Shutterstock
Eltern und Schulleitungen warnen vor einer Zuspitzung der Gewaltentwicklung an deutschen Schulen und fordern ein Umsteuern in der Bildungspolitik. In einer gemeinsamen Stellungnahme erklären der Bundeselternrat und der Allgemeine Schulleitungsverband Deutschland (ASD), dass Gewalt nicht länger als Einzelfall betrachtet werden könne. Vielmehr zeigten sich inzwischen „systemische Muster“, die für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Eltern „vielerorts nicht mehr tragbar“ seien.
Die Verbände kritisieren zugleich, dass die öffentliche Debatte häufig an der Oberfläche bleibe. Zwar nehme die Aufmerksamkeit für das Thema zu, doch fehle es an einer konsequenten Auseinandersetzung mit den Ursachen. „Die vorliegenden Zahlen sind alarmierend – aber sie erklären noch nichts“, erklärt Sven Winkler, Vorsitzender des ASD. „Wenn wir nicht verstehen, warum Kinder und Jugendliche eskalieren, werden wir Gewalt nicht reduzieren, sondern nur verwalten.“
Als zentrale Hintergrundfolie verweisen die Verbände auf Studien zur psychischen Lage junger Menschen. Die COPSY-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf dokumentiere seit Jahren eine erhöhte Belastung durch Angststörungen, depressive Symptome und ein vermindertes Gefühl von Selbstwirksamkeit. Auch die Shell-Jugendstudie beschreibe eine Generation, die sich verunsichert und unter Druck erlebe. Diese Entwicklungen werden von den Verbänden als wesentliche Faktoren für Eskalationen im schulischen Alltag benannt.
Aline Sommer-Noack, Vorstandsmitglied des Bundeselternrats, beschreibt den Zusammenhang so: „Wer sich dauerhaft überfordert und gleichzeitig ohnmächtig fühlt, sucht nach Kontrolle. Gewalt ist dann kein Zufall, sondern oft der letzte verfügbare Ausdruck von Handlungsmacht.“
Nach Einschätzung der Verbände trifft diese Entwicklung auf ein Schulsystem, das selbst unter Druck steht. Personalmangel, Zeitknappheit und fehlende multiprofessionelle Unterstützung führten dazu, dass Schulen häufig reagieren müssten, statt präventiv arbeiten zu können. „Ein System, das kaum Raum für Beziehung, individuelle Förderung und emotionale Stabilisierung lässt, verstärkt bestehende Spannungen. Frust verschwindet nicht – er verlagert sich. Und im schlimmsten Fall entlädt er sich in Gewalt“, so Sommer-Noack weiter.
Gleichzeitig wenden sich die Verbände gegen vereinfachende Schuldzuweisungen. Weder Lehrkräfte noch Eltern oder Schülerinnen und Schüler seien als alleinige Ursache zu benennen. „Die aktuelle Lage ist das Ergebnis struktureller Überlastung auf allen Seiten“, heißt es in der Stellungnahme.
„Lehrkräfte erleben Gewalt zunehmend als Teil ihres Alltags. Sie sollen auffangen, regulieren und gleichzeitig Bildung sichern – oft ohne ausreichende Ressourcen oder Unterstützung“
Besondere Kritik äußert der Bundeselternrat am Umgang mit akuten Vorfällen. „Wenn Kinder nach Vorfällen kurzfristig vom Unterricht ausgeschlossen werden, stehen Familien oft von einem Moment auf den anderen vor einer massiven Herausforderung – ohne klare Orientierung, ohne abgestimmtes Vorgehen und ohne ausreichende Unterstützung“, erklärt Sommer-Noack.
Zugleich fordern die Verbände eine differenziertere Betrachtung von Verhaltensauffälligkeiten. Ein Teil der Eskalationen sei nicht als bewusste Regelverletzung zu verstehen, sondern könne mit Überforderung, fehlender Impulskontrolle oder nicht erkannten Unterstützungsbedarfen zusammenhängen, etwa im Kontext von Neurodivergenz. Eine rein sanktionsorientierte Reaktion könne die Situation verschärfen.
Auch die Belastung der Lehrkräfte wird in der Stellungnahme hervorgehoben. Gewalt werde zunehmend als Teil des schulischen Alltags erlebt. Lehrkräfte müssten gleichzeitig regulieren, unterstützen und unterrichten – oft ohne ausreichende Ressourcen. „Lehrkräfte erleben Gewalt zunehmend als Teil ihres Alltags. Sie sollen auffangen, regulieren und gleichzeitig Bildung sichern – oft ohne ausreichende Ressourcen oder Unterstützung. Das ist auf Dauer nicht leistbar“, sagt ASD-Vorsitzender Winkler.
Die Verbände fordern deshalb verbindliche Schutzstrukturen für schulisches Personal. Dazu zählen klare Meldewege, definierte Zuständigkeiten sowie institutionell abgesicherte Unterstützungsangebote nach Vorfällen. Gewalt dürfe nicht als individuelles Berufsrisiko betrachtet werden. In ihrer Gesamteinschätzung beschreiben Bundeselternrat und ASD eine sich verstärkende Dynamik: „Wir laufen in eine Eskalationsspirale: Überlastete Systeme erzeugen Überforderung bei Kindern, diese entlädt sich in Konflikten – und verstärkt wiederum den Druck auf Schulen und Familien.“
„Wenn es nicht gelingt, Schulen spürbar zu entlasten und gleichzeitig Familien aktiv einzubinden, wird sich die Situation weiter verschärfen“
Daraus leiten die Verbände die Forderung ab, Gewalt an Schulen nicht isoliert innerhalb des Bildungssystems zu betrachten. Neben pädagogischen Maßnahmen seien auch verlässliche staatliche Rahmenbedingungen notwendig, die Prävention, Intervention und Konsequenz miteinander verbinden. Dazu gehörten unter anderem eine Entlastung der Schulen, der Ausbau multiprofessioneller Teams, verbindliche Fortbildungszeiten sowie eine stärkere Einbindung von Eltern und eine engere Kooperation mit Jugendhilfe, Polizei und Justiz.
Am Ende der Stellungnahme steht ein gemeinsamer Appell an Politik und Verwaltung, die Verantwortung systemisch zu verstehen. Ohne abgestimmte Verfahren und klare Zuständigkeiten drohten Maßnahmen wirkungslos zu bleiben. Die Entwicklung sei absehbar, warnen die Verbände: „Wenn es nicht gelingt, Schulen spürbar zu entlasten und gleichzeitig Familien aktiv einzubinden, wird sich die Situation weiter verschärfen. Mehr Gewalt, mehr Überforderung, mehr Abwanderung von Fachkräften – das ist keine Prognose, sondern eine absehbare Entwicklung.“ News4teachers / mit Material der dpa
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