23/08/2026
„Wir dürfen die Gesellschaft nicht spalten.“ – Welche Einheit eigentlich?
Ich höre immer wieder den Satz: „Wir sollten über solche Themen nicht so viel sprechen. Das spaltet nur die Gesellschaft.“
Und jedes Mal frage ich mich:
Welche Gesellschaft soll hier eigentlich vorher geeint gewesen sein – und für wen?
Man kann nur spalten, was zuvor tatsächlich verbunden war.
Eine Gesellschaft ist nicht automatisch geeint, nur weil diejenigen, für die ihre Strukturen funktionieren, keine Spaltung wahrnehmen.
Wenn ich als nichtbehinderter Mensch jedes Gebäude betreten kann, erscheint mir vielleicht alles zugänglich. Erst wenn ein Mensch im Rollstuhl vor der Treppe stehen bleibt, wird die Barriere sichtbar.
Hat dieser Mensch nun die Gesellschaft gespalten, weil er die Treppe benennt? Oder hat die Treppe bereits vorher Menschen ausgeschlossen?
Dasselbe gilt für Rassismus, Sexismus und andere gesellschaftliche Ungleichheiten.
Frauen hatten nicht immer dieselben Rechte wie Männer. Menschen mit Behinderungen wurden und werden von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Rassifizierte und andere marginalisierte Menschen haben gesellschaftliche Zugehörigkeit nie unter denselben Bedingungen erfahren wie diejenigen, deren Position als Norm galt.
Das sind keine nachträglich erfundenen Spaltungen.
Sie waren bereits da.
Das Benennen einer Spaltung ist nicht dasselbe wie das Erzeugen einer Spaltung.
Rassismuskritik erschafft keinen Rassismus, indem sie ihn benennt.
Feminismus erschafft keinen Sexismus.
Behindertenbewegungen erschaffen keinen Ableismus, indem sie auf Barrieren hinweisen.
Die Treppe war schon da.
Vielleicht sollten wir deshalb auch aufhören, Ruhe mit Gleichberechtigung zu verwechseln.
Denn eine Gesellschaft kann sehr ruhig wirken, solange diejenigen, die ausgeschlossen werden, nicht gehört werden, keine Plattform haben oder gelernt haben, dass ihr Widerspruch unerwünscht ist.
Wenn diese Menschen irgendwann anfangen zu sprechen, entsteht plötzlich sichtbarer Konflikt.
Dann heißt es:
„Früher hatten wir diese ganzen Probleme nicht.“
Vielleicht waren die Probleme aber längst da.
Nur du warst nicht die Person, die sie tragen musste.
Und genau darin liegt für mich ein entscheidender Unterschied zwischen gesellschaftlicher Harmonie und der Ruhe der Privilegierten.
Deshalb sollten wir, bevor wir behaupten, eine Diskussion über Rassismus, Ableismus oder Ungleichheit „spalte die Gesellschaft“, andere Fragen stellen:
Wer gehörte eigentlich zu diesem historischen „Wir“? Wer hatte Zugang? Wer konnte teilnehmen? Wessen Rechte waren geschützt? Und wessen Ausschluss war so normalisiert, dass er überhaupt nicht als Spaltung wahrgenommen wurde?
Vielleicht spalten diese Gespräche unsere Gesellschaft also nicht.
Vielleicht machen sie endlich sichtbar, wo sie nie gleichberechtigt verbunden war.
Und vielleicht ist genau das notwendig, wenn wir irgendwann von einer gesellschaftlichen Einheit sprechen wollen, die nicht nur aus der Perspektive derjenigen existiert, für die das System schon immer funktioniert hat.