09/03/2025
„Kampf ist normal“ - oder warum sich manche Menschen keine professionelle Hilfe suchen
Eine Freundin klagt regelmäßig, wenn ich sie treffe, wie schlecht es ihr geht. Die Last ihrer Probleme erdrückt sie, sagt sie. Ich bitte sie zum wiederholten Male, sich professionelle Hilfe zu suchen. Sie sagt, wie jedes Mal: "Ach, das bringt doch auch nichts. Das Leben ist eben ein Kampf." Meine Freundin leidet weiter und ist nicht bereit Hilfe anzunehmen. Jeder Versuch endet in Vergeblichkeit.
Probleme und Schwierigkeiten gehören zum Leben und sind eine Herausforderung. Es ist normal uns manchmal überfordert zu fühlen. „Das Leben ist nun mal ein Kampf“, sagen wir uns, wie meine Freundin, und kämpfen weiter bis wir vollkommen erschöpft sind und manche von uns kämpfen dann immer noch weiter. Wir kämpfen Tag für Tag den gleichen Kampf, ohne uns darüber im Klaren zu sein, dass innere wie äußere Kämpfe uns zermürben und unser seelisches, geistiges und körperliches Wohlbefinden erheblich beeinträchtigen können und dass es zu weiteren Komplikationen führt, wenn wir sie als normal empfinden oder ignorieren. Wer aber zu lange erfolglos kämpft wird krank. Es kommt u.a. zu emotionalen Zusammenbrüchen, Ängste, Panikattacken, Burn-out, Bore-out, Depressionen, Zwängen, psychosomatischen Erkrankungen, körperlichen Krankheiten, zu Medikamentenmissbrauch und Süchten.
Der Glaube, dass Kämpfen ein normaler Teil des Lebens ist und kein professionelles Eingreifen erfordert, kann uns schweren Schaden zufügen und er kann uns davon abhalten, professionelle Hilfe zu suchen. Statt zu sagen: „Ich schaffe das alleine nicht mehr“, spielen wir unsere Gefühle herunter, schleppen Probleme ewig mit uns herum ohne eine Lösung zu finden, oder wir verleugnen und ignorieren sie. Die Probleme aber interessiert das nicht, sie wachsen in dem Maße, wie wir Widerstand leisten.
Wer lange erfolglos kämpft braucht Hilfe.
Aber manchen fehlt die Einsicht. Sie gehen längst auf dem Zahnfleisch und glauben noch immer, sie schaffen es alleine. Den Glauben keine Hilfe suchen zu müssen, findet man oft bei Menschen, die gelernt haben, dass sie alles alleine schaffen müssen. Viele Menschen, die in der Vergangenheit ohne professionelle die Hilfe schwierige Situationen gemeistert haben, gehen davon aus, dass sie alle neuen Herausforderungen bewältigen. Der Glaube, dass Selbsthilfe allein ausreicht, kann das Nutzen professioneller Unterstützung verhindern und dazu führen, dass die Komplexität und die Schwere der Situation unterschätzt wird. Diese Haltung kann schließlich dazu führen, dass Menschen die Dramatik ihrer aktuellen Situation übersehen, was die psychische Gesundheit schwer beeinträchtigen kann.
Ein weiterer Grund warum sich Menschen keine Hilfe suchen liegt darin, dass es ihnen schwer fällt sich anderen anzuvertrauen, da sie aufgrund vieler negativer zwischenmenschlicher Erfahrungen ein generelles Misstrauen in sich tragen. Andere wiederum fühlen sich schon so lange als Opfer, dass sie der fatalistischen Überzeugung sind, ihre Situation sei unveränderbar und ergeben sich in ihr Schicksal. Das führt dazu, dass keine Motivation besteht durch die Annahme professioneller Hilfe etwas zum Besseren zu verändern.
Auch die Annahme, dass die eigenen Probleme nicht schlimm genug sind um Hilfe zu rechtfertigen und dass es andere gibt, denen es noch viel schlechter geht, kann verhindern, dass notwendige Hilfe gesucht wird.
Manche Menschen empfinden oft ein Gefühl des inneren Widerstands, wenn sie erwägen, sich auf professionelle Hilfe einzulassen. Dem zugrunde liegt die Angst vor dem Unbekannten und die Angst vor Veränderung. Sie bleiben lieber in ihrer Komfortzone, auch wenn diese alles andere als komfortabel ist, aber sie ist vertraut und erscheint, trotz hohem Leidensdruck, noch immer sicherer als das Betreten unbekannten Terrains, z.B ein Coaching oder eine Therapie.
Auch die Angst in Abhängigkeit zu geraten ist ein Grund, dass Menschen sich keine Hilfe suchen oder zulassen. Ihr Autonomiebedürfnis ist so groß, dass sie befürchten, von einem anderen abhängig zu werden, in dem Falle von einem Coach oder einem Therapeuten. Auch wer in Beziehungen negative Erfahrungen mit Abhängigkeit gemacht hat, ist weniger bereit sich einem anderen anzuvertrauen und sich helfen zu lassen. Das Gegenteil aber wäre der Fall, denn professionelle Hilfe ist u.a. immer darauf ausgelegt uns zu mehr Unabhängigkeit und Selbstwirksamkeit zu verhelfen.
Bei Problemen und emotionalem Schmerz greifen viele anstatt sich Hilfe zu suchen auf Substanzen zurück, die das Leid betäuben sollen. Dazu gehören insbesondere Drogen, Tabletten und Alkohol. Das schafft vorübergehend Linderung ist aber keine Lösung. Anstatt der erhofften Linderung kommt es zur Verschlimmerung. Jede Art der Selbstmedikation verdeckt immer die zugrunde liegenden Probleme.
Sie verschlimmert sie und schafft ein weiteres Problem – Sucht.
Auch Menschen, die sich sozial isoliert haben, haben oft Schwierigkeiten sich Hilfe zu suchen oder Hilfe anzunehmen. Sie haben sich in sich selbst zurückgezogen. Sie haben Probleme in Kontakt zu gehen, haben resigniert oder fühlen sich so wertlos, dass sie sich der Hilfe nicht würdig fühlen. Je länger sich ein Mensch sozial isoliert, desto stärker werden jedoch Gefühle des Getrenntseins, des Unverstandenseins und der inneren Einsamkeit und desto schwerer wird es, sich aus diesem selbstgebauten Käfig herauszutrauen und sich Hilfe zu suchen.
Auch die Überzeugung sich Hilfe zu suchen sei ein Zeichen von Schwäche verhindert nicht selten, dass Menschen weiter kämpfen, anstatt Hilfe anzunehmen.
All das sind Gründe warum Menschen weiter einen Kampf kämpfen, den sie nicht gewinnen können, der sie nur immer weiter schwächt und am Ende im Zweifel zum Zusammenbruch führt.
"Man muss wissen, wann man aufhört. Aufhören ist eine Stärke, nicht eine Schwäche.“ Ingeborg Bachmann
Angelika Wende
www.wende-praxis.de
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