26/09/2026
Ich teile diesen Beitrag von Matthias Betsche, weil er umsichtig und klar ein wichtiges Thema erläutert, das nicht einfach den Kanton Aargau betrifft, sondern ein grundsätzlich gesellschaftliches!
👉 Auf welche Pfeiler stützt dich eine solidarische und vor allem menschliche Gesellschaft?
👉Welche gelebten Werte erlauben, dass sich alle Menschen und nicht nur ein paar wenige entfalten können?
👉Ein Steuersystem, das diese Werte abbildet ist bestimmt ein wichtiger Faktor!
Ich finde 👉 unbedingt lesen!
Flat Tax? Nein. Das ist für mich die falsche Richtung.
Der Aargauer Grosse Rat hat mit 95 zu 38 Stimmen ein FDP-Postulat überwiesen, das die Einführung einer Flat Tax bei der Einkommenssteuer prüfen lassen will. Ich habe dagegen gestimmt.
Und zwar ganz bewusst.
Denn ich will an einem zentralen Grundsatz unseres Steuersystems festhalten: der Steuerprogression.
Was bedeutet das?
Ganz einfach: Mit steigendem Einkommen soll auch der Steuersatz steigen.
Dahinter steht ein einfacher Gedanke: Wer sehr viel mehr verdient und damit über deutlich grössere finanzielle Möglichkeiten verfügt, kann auch einen grösseren Beitrag zur Finanzierung unserer gemeinsamen Aufgaben leisten.
Starke Schultern sollen mehr tragen.
Das ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit – und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Eine Flat Tax schwächt die soziale Progression. Das Grundprinzip der Flat Tax ist ein einheitlicher Steuersatz, unabhängig davon, wie hoch das Einkommen ist.
Natürlich kann man Freibeträge und zusätzliche Abzüge einbauen, um das sozial abzufedern. Aber dann stellt sich auch die Frage, was vom viel beschworenen Vorteil der Einfachheit noch übrig bleibt.
Die eigentliche politische Frage bleibt:
Wollen wir die soziale Steuerprogression noch weiter schwächen?
Für mich lautet die Antwort klar: Nein. Darum brauchen wir auch keine Flat Tax.
Denn wirtschaftliche Ungleichheit ist in der Schweiz bereits heute sehr gross. Das reichste 1 Prozent verfügt über 45,8 Prozent des gesamten steuerbaren Vermögens.
Eine neue Untersuchung der ETH Zürich kommt zudem zum Ergebnis, dass unser gesamtes Steuer- und Abgabensystem deutlich weniger progressiv wirkt, als oft angenommen. Werden sämtliche untersuchten Steuern und obligatorischen Abgaben berücksichtigt, bezahlen die Menschen mit den allerhöchsten Einkommen relativ sogar einen kleineren Anteil als breite Teile der Bevölkerung. Das halte ich sozial für problematisch.
In dieser Situation halte ich es für falsch, ausgerechnet die soziale Progression bei der Einkommenssteuer weiter abzubauen.
Auch Untersuchungen zu Flat-Tax-Modellen zeigen, was das bedeuten kann.
Das Statistische Amt des Kantons Zürich hat verschiedene aufkommensneutrale Modelle simuliert. Bei tiefem Einheitssatz würden vor allem hohe Einkommen entlastet. Das einkommensstärkste Drittel würde mehrheitlich profitieren.
Und Obwalden, das 2008 eine Flat Tax eingeführt hat, liefert ein reales Beispiel. Die vom Kanton in Auftrag gegebene Evaluation kommt zum Ergebnis, dass insbesondere Menschen mit hohen Einkommen und Vermögen stark von den Flat Tax -Steuerentlastungen profitierten.
Das ist auch für die Vermögensverteilung im Land relevant.
Wer ein sehr hohes Einkommen hat und durch eine Flat Tax Jahr für Jahr deutlich weniger Steuern bezahlt, kann mehr sparen und investieren – und damit zusätzliches Vermögen aufbauen. Wenn eine Flat Tax vor allem sehr hohe Einkommen entlastet, kann sie bestehende Vermögensungleichheiten zwischen arm und reich weiter verstärken.
Aber für mich geht es um noch mehr.
Es geht darum, was unsere Gesellschaft zusammenhält.
Grosse Unterschiede bei Einkommen und Vermögen bedeuten auch unterschiedliche Möglichkeiten: beim Wohnen, bei Bildung, bei finanzieller Sicherheit, beim Vermögensaufbau und bei der Freiheit, das eigene Leben zu gestalten.
Herkunft und Vermögen dürfen nicht darüber entscheiden, welche Möglichkeiten jemand im Leben hat. Gute Bildung, bezahlbares Wohnen, soziale Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe schaffen echte Chancen.
Wenn aber diejenigen, die bereits sehr viel besitzen und verdienen, durch eine Flat Tax zusätzlich entlastet werden, während andere nur schwer vorankommen, werden nicht nur die Vermögensunterschiede grösser. Dann droht auch das Versprechen verloren zu gehen, dass sich unsere Gesellschaft gemeinsam weiterentwickelt.
Genau deshalb ist dies auch eine Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der sozialen Gerechtigkeit.
Fortschritt darf kein Privileg weniger sein.
Ich bin für ein verständliches Steuersystem. Aber noch wichtiger ist mir ein gerechtes Steuersystem.
Wer wenig hat, soll weniger beitragen müssen. Wer ein durchschnittliches Einkommen hat, darf nicht übermässig belastet werden. Und wer über sehr hohe Einkommen und grosse Vermögen verfügt, soll entsprechend seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit einen grösseren Beitrag leisten.
Das entspricht auch der Vorgabe unserer Schweizerischen Bundesverfassung: Sie verlangt, dass bei der Besteuerung die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu berücksichtigen ist.
Damit finanzieren wir gemeinsam Bildung, Kinderbetreuung, Gesundheit, soziale Sicherheit, Infrastruktur, Innovation und den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen.
Ein starker demokratischer Staat braucht die Mittel, um Zukunft zu gestalten und dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen am Fortschritt teilhaben können.
Fortschritt bedeutet für mich nicht, dass einige wenige weiterkommen. Fortschritt bedeutet, dass möglichst viele Menschen besser leben können.
Für ein gutes Leben für alle.