26/10/2024
Lebensübergänge - Wenn das Alte nicht mehr und das Neue noch nicht trägt
Lebensübergänge sind tiefgreifende Veränderungen, die unser Leben auf seelischer, geistiger, körperlicher, materieller, räumlicher und sozialer Ebene beeinflussen. Sie fordern uns heraus, Abschied von einer alten Identität zu nehmen und in eine neue hineinzuwachsen. Diese Transformation ist vergleichbar mit einem Sterben und einer Wiedergeburt und konfrontiert uns mit Unsicherheit und dem Annehmen einer neuen, möglicherweise fragilen Zugehörigkeit. Solche Zeiten können unser Gleichgewicht empfindlich stören.
Den Raum des Vertrauten verlassen
Vor einem Übergang fühlen wir uns sicher und vertraut in unserem Leben. Rollen, Werte und Identitäten sind verlässlich. Wir haben uns eingerichtet, Netze gesponnen und enge Bindungen eingegangen. Doch das Leben folgt dem universellen Muster des Wandels, und irgendwann steht Veränderung an. Jedes Lebewesen und jede Lebensphase durchläuft Zyklen des Wandels: entstehen, wachsen, blühen, reifen, zerfallen und sterben. Einige Übergänge können wir selbstbestimmt entscheiden, wie Berufswechsel oder Hochzeit. Viele jedoch ereignen sich ohne unser Zutun, wie Erwachsenwerden, Elternschaft oder Pensionierung. Auch einschneidende Lebensereignisse wie Trennung, Krankheit oder Tod können Übergänge auslösen.
Mitten im Übergang
In Lebensübergängen müssen wir nicht nur Gewohntes, sondern auch den Menschen, der wir waren, verabschieden. Die Identität wandelt sich, und wir verlieren Halt in dem, was wir geworden sind. Die Sinnfrage wird zentral: Warum bin ich hier? Wofür lohnt es sich, jeden Morgen aufzustehen? Beziehungen, Berufung und Lebensumfeld werden neu überprüft. Gefühle von Verlust, Angst, Zweifel und Wut, aber auch Zuversicht und Neugier auf das Neue begleiten uns. Es ist ein großer Unterschied, ob wir eine Veränderung selbst wählen oder ob sie uns von außen auferlegt wird. Selbst wenn wir Entscheidungen selbst treffen konnten, hängt der gelungene Übergang davon ab, wie wir auch in Zukunft „Ja“ zu der vergangenen Entscheidung sagen.
Authentischer Schamanismus und Lebensübergänge
Der authentische Schamanismus bietet eine wertfreie Annahme und Hingabe an den Wandel. Schamanen sehen Übergänge als natürliche Prozesse und begleiten sie mit Ritualen und spirituellen Praktiken. Sie helfen, die alte Identität loszulassen und die neue zu integrieren. Durch schamanische Reisen und Rituale wird der Kontakt zu inneren Kraftquellen und spirituellen Helfern gestärkt, was den Übergang erleichtert. Schamanen arbeiten oft mit Symbolen und Naturkräften, um den Prozess der Transformation zu unterstützen. Sie lehren uns, dass jeder Übergang eine Gelegenheit zur Heilung und zum Wachstum ist.
Das Neue bricht durch
Im Vergehen und im Übergang kündigt sich bereits das Hineinwachsen in das Neue an. Die neue Haut ist nach der Häutung noch dünn und verletzlich. Das Leben lädt uns ein, die Wandlung anzunehmen und die Anhaftung an alte Bilder abzustreifen. Wir übernehmen Verantwortung und lösen uns von Schuldzuweisungen. Aus Brüchen werden Brücken, und wir ordnen unser Leben neu. Die Unsicherheit wird gesegnet, und wir wagen den Neuanfang. Wir beginnen, das eigene Glück und Unglück weniger von äußeren Umständen und anderen Menschen abhängig zu machen. Es braucht Zeit, eine neue Sichtweise der eigenen Gefühle und Verhaltensweisen zu finden. Aus den Brüchen werden Brücken, und nach dem Bruch kommt der Aufbruch.
Verkannte Übergänge
Wenn wir die Orientierungslosigkeit, Sinnfragen und unbewältigte Abschiede als Lebensübergänge auffassen, können wir sie sinnvoll und heilsam gestalten. Oft bleiben sie als Lebensübergänge unerkannt. In therapeutischen Situationen kann es hilfreich sein, Lebenskrisen als Übergang und tiefen Prozess einer inneren Wandlung zu verstehen. Je bewusster eine alte Lebensphase durchlebt wird und Umbrüche als Teil des natürlichen Kreislaufs des Lebens gesehen werden, desto mehr ist spürbar, dass auch die eigene Krise ein Teil davon ist. So können wir verstehen, dass unser eigener Wandlungsprozess in einen umfassenderen Prozess des Lebendigen eingebettet ist.
Fazit
Lebensübergänge sind Wege in die eigene Ganzheit und eine Umgebärung in ein tieferes Wesen. Sie initiieren uns in eine neue Dimension unseres Seins. Der authentische Schamanismus unterstützt diesen Prozess durch wertfreie Annahme und Hingabe. Individuelle Entwicklung umfasst immer auch die Welt und ermutigt uns, uns für eine nachhaltigere Welt zu engagieren. So können wir als gestärkte Personen gemeinsam mit anderen neue Formen der Kooperation mit der Erde entwickeln. Schamanische Praktiken lehren uns, dass Wandlung und Transformation natürliche Teile des Lebens sind und dass wir durch sie hindurch zu einer tieferen Verbundenheit mit uns selbst und der Welt gelangen können.
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